What we want – what we need!

Der Film braucht eine Quote, denn die verhilft ihm zu mehr Qualität und der Gesellschaft zu mehr Gerechtigkeit.  

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Filmstill: TOP GIRL

Zahlen lügen nicht! 

Was haben eine Filmemacherin*, eine Auftragsregisseurin* für TV-Movies, eine Theaterregisseurin*, eine Dirigentin*, Musikerin*, eine Malerin* und eine Videokünstlerin* gemeinsam? Sie verdienen durchschnittlich 24% weniger als ihre männlichen Kollegen. Der Gender Pay Gap im Bereich Regie und Dramaturgie beträgt sogar 36%. Lohnunterschiede  haben natürlich viele Gründe: Beschäftigung, Marktpräsenz und Bezahlung bilden einen Dreiklang in den freien Berufen der Filmbranche, besonders aber in der Regie. Auch dass nur 15% aller Filme von Regisseurinnen inszeniert werden, trägt zum Gendergap bei. Hier lautet die Gleichung sehr vereinfacht: weniger Filme, weniger Aufträge, weniger Budgets, weniger Honorar = weniger Kohle.

Die Zahlen stammen aus der Studie „Frauen in Kultur und Medien“.  Untersucht wurde der gesamte Kulturbetrieb. Das Ergebnis ist ebenso simpel wie erschütternd: Die Kulturbranche ist „frauenfeindlich“, wie man früher gesagt hätte oder etwas nüchterner ausgedrückt: Frauen sind auch 2017 noch strukturell benachteiligt.

Es ist nicht zuletzt der Initiative Pro Quote Regie (PQR) zu verdanken, dass es jetzt „Beweise“ für diese Benachteiligung in Form von Studien gibt. Pro Quote Regie ist eine Initiative, die gegen Sexismus und Rassismus und für mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Film- und Fernsehbranche kämpft. Und ich bin Teil dieser Initiative, die mehr als 400 Regisseurinnen vertritt.

Am Anfang stand ein Gefühl, als Künstlerin nicht wahrgenommen zu werden, ein Gefühl nicht so viel zu arbeiten wie die Kollegen, andere hatten das Gefühl, dass ihre Karriere stagniert, während Kollegen vorbeiziehen. Es war ein Gefühl – von Diskriminierung haben wir nicht gesprochen – und Gefühl braucht Beweise. Zahlen lügen nicht.

Deshalb hat Pro Quote Regie 2013/14 zunächst in „Heimarbeit“ erste Ergebnisse und Statistiken erstellt und die Anzahl von Regisseurinnen im TV gezählt und die Förderergebnisse analysiert. Das Ergebnis war und bleibt ernüchternd: nur durchschnittlich 15% aller Fernseh/Filme werden von Regisseurinnen gemacht. Diese Zahl ist deshalb so empörend, weil 42% aller Hochschulabgängerinnen im Filmbereich weiblich sind – und es werden immer mehr!

Diese Zahlen mit denen wir 2014 an die Öffentlichkeit gegangen sind, haben eingeschlagen wie eine Bombe – die Branche war aufgewacht, alarmiert. Aber gerade weil die Schieflage so offensichtlich war, wurden wir vielfach für unsere Zahlen kritisiert, aufgeregt die einen, empört die anderen: Zahlen hätten doch mit Kunst nichts zu tun. Natürlich ist das Gegenteil der Fall wie sich noch zeigen wird.

Trotzdem oder gerade deshalb wurden und werden weitere Studien in Auftrag gegeben. Nicht nur die Studie des deutschen Kulturrates hat unsere Zahlen bestätigt auch die jüngste Studie der FFA[6] 2017 kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Es ist amtlich: die gläserne Decke im Kulturbereich ist keine Fantasie sondern Realität.

Die Quote ist blind und schafft Qualität
Eigentlich müsste sich angesichts dieser desaströsen Lage doch sofort etwas ändern, denn „gerechte Beteiligung an den gesellschaftlichen Ressourcen ist eine Grundforderung der Demokratie“, wie nicht nur Jutta Brückner[7] es formuliert. In Deutschland werden Film- und Fernsehproduktionen immerhin zu 95% aus öffentlichen Geldern finanziert. Es ist die politische Pflicht aller Institutionen aktiv auf eine Verbesserung der Situation hinzuarbeiten und Schranken und Hindernisse abzubauen. Schon vor 45 Jahren ist der Verband der Filmarbeiterinnen, unter ihnen die Regisseurinnen Margarethe von Trotta, Monika Treut und Helke Sander, mit den gleichen Forderungen wie Pro Quote Regie heute an die Öffentlichkeit gegangen. Damals wurden die Filmemacherinnen damit vertröstet, dass die Zeit, die Dinge von allein regeln werde. Die Lösung hieß damals Selbstverpflichtung.

Aber da sich bis heute nichts geändert hat, ist die Quote letztlich das einzige politische Instrument, das helfen kann, asymmetrische Geschlechterverhältnisse zu verändern.[9]

Eine verbindliche Quote würde sofort und einfach Abhilfe schaffen. Die Quote ist blind, sagt z.B. der Kulturwissenschaftler Diederich Diederichsen auf unserem PQR-Berlinale-Podium.[10] Sie will erstmal gar nichts, sondern sie bietet einfach Zugang zu den Ressourcen, sie schafft Diversität. Und ist Diverstität nicht schon lange das Zauberwort für Wertsteigerung und die Lösung für Innovation und Qualität? Ja, eine Quote wird ganz nebenbei auch die Qualität des „deutschen“ Film verbessern!

Trotzdem ist die Quote das rote Tuch vor dem viele konservative Politiker*innen und Branchenvertreter*innen, Sender- und Fernsehchefi*innen und die Verantwortlichen der Förderanstalten scheuen. Warum ist das so?

Sie fürchten doch tatsächlich, dass die Qualität „ihrer Filme“ unter einer Quote leiden könnte, wo doch das Gegenteil der Fall ist! Woher kommt also die Angst vor einer Quote?

Privilegien vs. Quote
Nicht wenige Kulturmenschen betrachten die Quote argwöhnisch, viele sogar höhnisch. Tiefsitzende Vorurteile gegenüber Frauen* und populistische Gedanken sind auf ihrer Seite – don´t blame them fort that, sie wissen es nicht besser. Die Quote wird spöttisch und abwehrend „Krücke“ genannt (vor allem von Frauen*), die Regisseurinnen, die sich für sie einsetzen werden auch gerne mal lächerlich gemacht – im Feuilleton, im Internet, das ist normal!

Der Glaube, dass Kunst in einem freien Raum entsteht und nichts mit Klasse, Herkunft und Geschlecht zu hat, ist einer bürgerlichen elitären Gesellschaft wie der unseren gang und gebe und verschleiert die Privilegien. Deshalb lohnt es sich den Kulturbetrieb (die Film- und Fernsehbranche) etwas genauer anzusehen. Wodurch zeichnet sich der Kulturbetrieb aus: Bürgerlichkeit, Elitarismus, Klassismus, Rassismus, Konservativismus und Heteronormativität. So ausgestattet ist er ist gewissermaßen betriebsblind und kann deshalb auch gar kein Bewusstsein für Diskriminierung und Ausschluss entwickeln. In unserem Kulturbetrieb (in der Film- und Fernsehbranche) herrscht ein struktureller Sexismus der sich auf eine lange Tradition berufen kann.

Dieser Sexismus zeigt sich natürlich nicht offen. Er tarnt sich mit scheinbar neutralen Begriffen wie Leistung und Qualität. Wir kennen alle den Spruch „Qualität setzt sich durch“ ‐ Frauen sind nicht da – also besitzt ihre Arbeit keine Qualität. Oder die Leistung reicht eben nicht aus. Das ist natürlich eine Chimäre, aber eine, die sehr gut zeigt wie Überlegenheit und Hegemonie konstruiert werden.

Dabei ist der Ausschluss von Frauen* eigentlich überraschend, denn wir leben ja nicht mehr im letzten Jahrhundert, in dem Frauen* offiziell diskriminiert und unterdrückt werden konnten. Nein, wir leben in einer Zeit, wo Frauen* durchaus Zugang haben zu Macht und Entscheidungspositionen haben – gerade im Film‐ und Fernsehbereich. Aber wenn man genauer hinsieht, sind es die Bild‐ und Diskurschaffenden Frauen*, die KREATIVEN Frauen*, die diskriminiert und ausgeschlossen werden, nicht die „Gastgeberinnen“, die Redakteurinnen, die Verwalterinnen der Fördertöpfe.

Wie groß müssen die Ängste sein, eine Regisseurin und ihre Art und Weise zu arbeiten, zu inszenieren, zu denken nicht als Chance zu betrachten, sondern als Gefahr? Wie groß sind die Vorurteile gegenüber Frauen* als Regisseurinnen, als Künstlerinnen, als Führungskräfte, als gestaltende und kreative Persönlichkeiten?

Es sind vor allem Stereotype, die verhindern, dass Regisseurinnen als denkende schaffende Persönlichkeiten wahrgenommen werden. Dass diese Stereotype greifen, und dass auch Weltklasseregisseurinnen auf ihr Geschlecht reduziert werden, lies sich bei der Preisverleihung des bayrischen Filmpreises 2017 bewundern: hier wurde ein Preis auf fünf Regisseurinnen verteilt. Selten wurde Diskriminierung so bildhaft in Szene gesetzt.

Es sind Stereotype in unseren Köpfen die verhindern, dass weibliches* Schaffen in seiner Vielfalt gesehen wird, dass Frauen* und ihre Qualität, ihre Gedanken, Phantasien und Wünsche geschätzt werden. Stereotype in den Medien, in Filmen und Fernsehprodukten fördern und zementieren diese Vorteile. Und nicht nur Geschlechterverhältnisse müssen sich ändern.

Eine Frauenquote reicht vermutlich noch nicht mal aus, denn wir haben es ja nicht nur mit Sexismus im Kulturbetrieb zu tun sondern auch mit rassistischer Diskriminierung und Ausschluss. Und das geht uns alle an, damit müssten wir uns beschäftigen.

Die Quote ist ein Katalysator für einen Bewusstseinswandel
Von Seiten der Verantwortlichen gibt es durchaus Erklärungsversuche warum Regisseurinnen weniger arbeiten und weniger Aufträge bekommen oder Filmemacherinnen ihre Stoffe nicht durchbekommen. Nachdenken findet also statt, auch über den eigenen Anteil an der Misere. Auf der ersten Lohnfachtagung von Pro Quote Regie in den Räumen des BMFSFJ 2017 kamen die häufigsten Vorurteile gegenüber Regisseurinnen zur Sprache:

•Film als Hochleistungsindustrie könne nur erfahrene Regisseure beschäftigen, die mit den knappen Drehzeiten zurechtkämen.

•Man gehe lieber auf Nummer sicher und setze auf das Bewährte.

•Man traue Frauen höhere Budgets weniger zu.

Das Merkwürdige ist, dass diese offen ausgesprochenen Vorurteile auch erfahrene Regisseurinnen treffen, die bereits sehr erfolgreich Filme gedreht und Fernsehen gemacht haben.

Bleibt die Frage was tun? 

Wie lässt sich der hermetisch abgeschlossene Kulturbetrieb aufbrechen und verändern? Nur durch die Quote! Schaut man sich die Quotenforderungen, die z.B. von wirtschaftlichen Institutionen ausgehen, an, wird deutlich, dass es vor allem um ökonomische Interessen geht und selten darum, dass sich die Gesellschaft verändert. Die Wirtschaft BRAUCHT die Frauen*! Geschlechtergerechtigkeit ist ein hübscher Nebeneffekt, nicht das Ziel.

Gleichberechtigung zieht also nicht zwangsläufig Emanzipation nach sich.  Der Kulturbetrieb müsste sich aber gründlich emanzipieren, um die Vielfalt der Gesellschaft abzubilden und zu erreichen. Von der Rechtfertigung der Mittel ganz zu schweigen. Und vielleicht haben deshalb die Verantwortlichen des Kulturbetriebs und der Film‐ und Fernsehbranche so große Probleme mit der Quote. Ich habe behauptet, Quote schafft Qualität. Warum ist das so? Weil die Quote Geschlechterverhältnisse verändern kann. Und dadurch werden diverse Positionen erst möglich. Positionen, die jetzt marginalisiert sind oder eben gar nicht vorkommen.*

Dieser Artikel wurde zuerst auf dem Filmtutorial der hfbk Hamburg veröffentlicht.

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