Vom Leben in der Scheinemanzipation oder die Madonna mit der Kreissäge*

New Romantic (Mira Partecke) als Greta M. in Eine flexible FrauHurra! Die Forderungen der Frauenbewegung sind obsolet geworden, denn es schlägt die Zeit der „Erfolgsfrau“ und der „Top Girls“. Wir haben es geschafft! Wir haben Zugang zur Macht, wir haben Humor, wir sind Kanzlerin und schreien: Seht her auf dieses Land, wie emanzipiert wir hier sind! Als Beweis laufen wir als hysterische, narzisstische oder pragmatische Aufziehpuppen durch die Medien, durch Bücher und durch Filme, die uns suggerieren, dass wir alles sein können, was wir wollen: heute sexy mit 40, 50, 60 oder 70 – gespielt von mindestens 10 Jahre jüngeren Frauen, morgen Karrierefrau und Mutter von vielen Kindern, übermorgen Gattin eines Reeders! Man kann also nicht sagen, Frauen kommen nicht vor! Wir würden keine Rolle(n) spielen.
Dabei sind wir nie krank oder alt, wir erleben keine Gewalt, wir haben keine Zukunfts- und Versagensängste, wir leben nicht auf Hartz IV und/oder prekär, wir sind nicht alleinerziehend, wir werden nicht geschlagen, wir erleben keine Krisen und werden auch nicht durch Klasse, Herkunft, Alter und Geschlecht diskriminiert, wir trinken nicht – wir leben in einer Scheinemanzipation.

Mit meinem Film „Eine flexible Frau“ wollte ich dem Klischee von der „modernen Frau“ etwas entgegensetzen: die Idee einer Komplettverweigerung als Kritik. Der Film „Eine flexible Frau“ beschäftigt sich mit der Frage nach der identitätsstiftenden Bedeutung von Arbeit. Greta M., 40, eine Frau mit einer postmodernen, brüchigen Architektinnenbiografie, verliert ihren Job. Auch im Callcenter wird sie gefeuert. Wie Don Quichotte kämpft sie gegen unheimliche Mächte an: ihren Sohn, die gefährliche Mutterschaft, den Bewerbungscoach, die verhinderte Architektur des neuen Berlins (Townhäuser, Humboldtforum, soziale Stadtgrenzen) und nicht zuletzt gegen die eigene Paranoia und Statusangst, eine Frau ohne Auftrag zu sein. Sie trinkt und driftet zwischen Anpassung und Widerspruch durch ihr Leben und trifft auf „die Stadt der Frauen“ . Kommentiert wird die Lage der Frauen von „Kluge“, einem feministischen Blogger und Stadtführer. Ich wollte einen Film machen, der eine andere Form- und Bildsprache hat, der keine Psychologisierung vornimmt, der nicht die Figur erklärt, sondern der – altmodisch formuliert – etwas über „Verhältnisse “ aussagt. Darüber hinaus wollte ich das „Prekär“-Werden von Biografien durch unsichere Lebens- und Arbeitsverhältnisse darstellen, was typisch für Berlin und unsere Zeit ist.

DIE ÖKONOMIE IST NICHT GESCHLECHTSNEUTRAL
Die erste Inspiration für meinen Film war Richard Sennets Buch „Der flexible Mensch“. Sennet beschreibt die harten Veränderungsanforderungen des postmodernen Kapitalismus an das Individuum. Diese Grundtatsache aktueller gesellschaftlicher Entwicklung wollte ich mit der speziellen Situation von Frauen verknüpfen und die Frage aufwerfen, inwieweit das propagierte und medial vermittelte Bild der „modernen emanzipierten Frau“ (s.o.) nichts weiter ist als eine Affirmation an den derzeitigen Status Quo und deshalb eine „konservative Emanzipation“.
Der derzeitige Status Quo – unter dem Fokus „Geschlechterverhältnisse“ lässt sich als asymmetrisches ökonomisches Verhältniss beschreiben. Der Arbeitsmarkt differenziert weiterhin zwischen Männern und Frauen. Am eklatantesten zeigt sich dies in der Überzahl von Frauen in Teilzeit oder schlecht bezahlter Arbeit im Dienstleistungssektor ohne feste Verträge.
80 % aller Teilzeitarbeitsplätze sind von Frauen besetzt. Teilzeit ist aber nicht nur schlechter bezahlt sondern es gibt weniger Aufstiegschancen. Frauen arbeiten auch deshalb oft in Teilzeit, weil es keine Betreuungsplätze für ihre Kinder gibt und Betreuungsarbeit nach wie vor Frauensache ist. Selbstverständlich sind auch die Chefsessel fast frauenfrei. Die Konsequenz ist, dass Frauen im Schnitt 23% weniger verdienen als Männer.

Und trotz dieser unvollständigen Beschreibung unserer Gesellschaft ist es unübersehbar, dass Frauen heutzutage Zugang zur Macht, zu Führungspositionen – auch im Film, im Fernsehen, in den Medien und Gremien – haben und diese strategisch zu nutzen wissen. (Was aber nicht heißt, dass sie Frauen deshalb per se unterstützen.)
Der flexibilisierte globalisierte Kapitalismus schließt „die Frauen“ also nicht mehr aus oder diskriminiert sie offen wie das noch im letzten Jahrhundert der Fall war. Das kann er sich auch nicht leisten, denn er braucht sie als (flexible) Arbeitskräfte und als treue, kaufkräftige Konsumentinnen. Vereinfacht gesagt produziert dafür permanent Bilder, die Teilhabe suggerieren und Erfolg versprechen. Dieses Surrogat schmeckt natürlich besser als die alte Leier von Emanzipation und Gleichberechtigung. Gleichzeitig leben wir aber in einer heterosexuellen Matrix, einer Geschlechterhierarchie, die Frauen sehr wohl weiterhin strukturell ausgrenzt.
Kaum eine Handvoll Filme von Frauen schafft es ins Kino, und auch im Fernsehfilmbereich oder Doku sind weniger Frauen am Werk und/oder arbeiten dort kontinuierlich. Aber auch, wenn es um die öffentliche und mediale Wahrnehmung von Filmemacherinnen, Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen oder Kindergärtnerinnen geht, ist Gleichbehandlung in Sachen „Repräsentation“ kaum in Sicht. Aber das wird heutzutage gar nicht mehr in Frage gestellt.

Für mich ist die „Unterdrückung der Frauen“, wie man sieht, keineswegs beendet. Sie hat bloß das Kostüm gewechselt und sich in Shape gebracht. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und heisst struktureller Sexismus. Dieser Sexismus ist subtil und schwer zu fassen, denn die neue neo-konservativ-liberale Ordnung kennt nur „individuelles Versagen“ oder „individuellen Erfolg“ oder auch „Talent“. Sie negiert gesellschaftliche Strukturen und kreiert so eine Ideologie des Scheiterns, das ausschließlich im Unvermögen des Individuums begründet ist: Nicht das Sein ist verantwortlich, sondern das Bewusstsein – Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen ist nicht nur unangemessen sondern einfach dumm.
Wer z.B. einen „ordentlich finanzierten Film“ machen will, muss durch sehr enge Nadelöhren durch. Die Nadeln heißen mangelnde Netzwerke und ein als „Geschmack und Qualität maskierter Sexismus“ . Viele Frauen schaffen es nicht durch das Nadelöhr – da ist dann das Thema zu speziell („findet kein Publikum“), man traut ihnen keine effiziente Budgetkontrolle zu, oder sie sind schlicht „untalentiert“ – es gibt viele Gründe, aber niemand würde heute noch sagen, dass es mit dem Geschlecht zu tun hat. Das ist ein Anachronismus und wer das anzweifelt, ist eine beleidigte kleine Leberwurst.

DO IT YOURSELF ODER SELBSTAUSBEUTUNG IST AUCH KEINE LÖSUNG.

Unabhängigkeit ist für eine Filmemacherin das höchste Gut: Drehbuch, Casting, Dramaturgie, Musik, Director´s Cut – das bestimmt den Film. Und das sollte auch der/die Filmemacherin bestimmen und nicht der/die Redakteur oder Produzentin. Geringe Budgets haben allerdings auch einen hohen Preis: die finanzielle (Selbst)Ausbeutung und auch die von Mitarbeiterinnen und Schauspielerinnen. Eine Tatsache, die ich gerade unter der oben beschriebenen asymetrischen Gesellschaftsstruktur schwierig finde.
Und ich mache mir keine Illusionen: Der Markt sucht derzeit nach anderen Filmen und auch der Kinoraum ist enger geworden, neue Vertriebs- und Förderstrukturen – vom illegalen Download mal abgesehen – sind noch nicht wirklich in Sicht.

Deshalb hat mich ein Zitat aus Helke Sanders berühmtem Text* „Die Madonna mit der Kreissäge“ mehr als nachdenklich gestimmt. Der Text ist von 1980, seine Analyse scharf, präzise und schnörkellos politisch.
Er gibt mir zu denken, ob meine selbstgewählte Position – lieber Filme mit wenig Geld als gar keine Filme – nicht bereits eine bedingungslose Kapitulation ist und ob es nicht an der Zeit ist, gemeinsam eine wirkliche Teilhabe zu erkämpfen.

„Definitiv ist es keine Wunschvorstellung von Frauen, in der Subkultur, am Rand zu bleiben. Natürlich möchte jede Identität mit der Gesellschaft, in der sie lebt. Arbeit soll diese Identität herstellen. Frauen machen sich entweder die Subkultur zu eigen, richten sich in ihr ein, oder kämpfen gegen sie an. In keinem Fall aber partizipieren sie selbstverständlich in ihrer Eigenheit, ihrem Bewusstsein, über ihre Erfahrungen als Frauen an der bestimmenden Kultur.“

So schlimm, fragt mein strenges, gegendertes, identitätskritisches, Über-ich? Ja, sagt meine Erfahrung als „Frau“ in der mich bestimmenden Kultur – das Unbehagen bleibt.

Wir brauchen eine 50%-FrauenQuote, das ist klar, das leuchtet ein – sonst ändert sich nichts und in 20, 30 Jahren sitzen die Töchter da und wundern sich.

Außerdem müssen auch die Förderstrukturen einer WISSENSCHAFLICHEN UND FEMINISTISCHEN Sexismusanalyse unterzogen und dementsprechend gegä/endert werden.

Was wir aber noch vielmehr brauchen ist eine GenderQuote für Filme, die versuchen die heterosexuelle Matrix zu sprengen und Geschlechterbilder in Frage zu stellen und neu zu erfinden. Filme, die nicht nur inhaltlich, sondern vor allem auch FORMAL intelligent, sexy, obszön, wild und experimentell sind.

* “Die Madonna mit der Kreissäge”, Helke Sander,  in Frauen in der Kunst, Bd. 2, hrsg von Gislind Nabakowski, Helke Sander, Peter Gorsen, Suhrkamp-Verlag, 1980

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