Status Quote

 

Auf dem Berlinale-Panel “50/50″ zum Thema Quote und Kino  sagte eine französische Regisseurin in schönster Französinnenmanier:

“Filme machen ist eine expressive, erotische ‐ eine maskuline Kunst.

Und dann sagte sie noch: Filmemachen, das ist wie Krieg: man muss strategisch sein und sein Team wie ein Heer zum Sieg führen. Und das sei Frauen nicht nur zu anstrengend ‐ nein ‐ diesen ganzen Kampf würden wir doch eigentlich belächeln.

Sie war natürlich gegen eine Quote.

Meine Frage dagegen lautet: wie verhält sich Qualität zur Quote? Und meine These lautet: Quote schafft Qualität. Seit ein paar Jahren wird überall eine Quote ‐ übrigens nicht nur für Frauen ‐ gefordert. Diversität ist die Lösung, wenn Unternehmen schwächeln und das passiert, wenn Männer zu sehr unter sich bleiben. Wenn man sich jetzt z.B. VW anschaut ist da ja auch was dran.

Bei diesen Quotenforderungen geht es allerdings nie darum, dass sich irgendetwas für die Gesellschaft verändert oder für die vorher marginalisierten Gruppen.

Nein, es geht ausschließlich um Profit und um Wertsteigerung. Das ganze heißt dann Gleichberechtigung.

Emanzipation und Gleichberechtigung sind aber nicht das Gleiche. Und vielleicht hat
deshalb der Kulturbetrieb, Film‐ und Fernsehbranche so große Probleme mit der Quote. Der Kulturbetrieb muss sich aber gründlich emanzipieren, wenn er überhaupt noch die Vielfalt der Gesellschaft erreichen will. Was er muss, um seine Existenz zu rechtfertigen.

Wodurch zeichnet sich der Kulturbetrieb aus:
Bürgerlichkeit, Elitarismus, Klassismus, Rassismus, Konservativismus und jetzt kommt’s Heteronormativität. Und diese Merkmale kennzeichnen auch die Film‐ und Fernsehbranche. Und die meisten Filme, vor allem natürlich die Fernsehfilme lassen sich durch eben diese Merkmale größtenteils beschreiben.
Am deutlichsten lässt sich diese Verschränkung bei den neusten deutschen
Historienschinken sehen, die gerade durch ihre formale Nähe zum 50er Jahrekino auch inhaltlich die Nähe zur Reaktion aufweisen. Das Nationale sowie die individuelle Unschuld, Opfertum und Heldenhaftigkeit im Kleinen werden groß geschrieben. Das ist deutsche Qualitätsware im Film – jedenfalls wenn man sich Budgets und Diskurse in der Branchenpresse dazu ansieht.

Auch aus solchen Gründen haben wir von Pro Quote Regie einen Diskurs über die
Branche angestiftet. Allerdings sind wir eben nicht über die Inhalte gegangen, sondern über die Beschäftigungssituation. Sie kennen sicher die Zahlen: Frauen inszenieren 11% der Sendeminuten im Öffentlich/Rechtlichen, von 320 Millionen Filmförderung werden weniger als 20% an Projekte mit weiblicher Regie vergeben. Demgegenüber stehen 42 % Filmhochschulabgängerinnen, und das nicht erst seit gestern sondern seit den 90er Jahren.

Es wurde uns vorgeworfen, dass wir nicht über Inhalte oder die Qualität von Filmen sprechen, sondern nur über Strukturen, sprich über Arbeitsverhältnisse reden. Ja WARUM machen wir das bloß?

Weil Frauen* zwar eine Gruppe, aber als Regisseurinnen, Filmemacherinnen eben KEINE Einheit bilden.

Eine weitere Frage war: Warum machen so wenig Frauen* Filme?
Die Gründe dafür sind vielfältig, die Antworten zu komplex für diesen Abend.
Ich habe mir in den letzten zwei Jahren die Fernseh‐ und Filmbranche etwas genauer angesehen und mich dort umgesehen – und wenn Sie mich fragen: in dieser Branche herrscht ein sehr verhärteter, struktureller Sexismus. Dieser Sexismus zeigt sich natürlich nicht offen. Er tarnt sich mit scheinbar neutralen Begriffen wie Leistung und Qualität.

Wir kennen alle den Spruch „Qualität setzt sich durch“ ‐ Frauen sind nicht da – also besitzt ihre Arbeit keine Qualität. Oder die Leistung reicht eben nicht aus. Das ist natürlich eine Chimäre, aber eine, die sehr gut zeigt wie Überlegenheit und Hegemonie konstruiert werden.

Der Ausschluss von Frauen ist eigentlich überraschend, denn wir leben ja nicht mehr im letzten Jahrhundert, in dem Frauen ja offiziell diskriminiert und unterdrückt werden konnten, sondern wir leben in einer Zeit, wo Frauen durchaus Zugang haben zu Macht und Entscheidungspositionen haben. Gerade im Film‐ und Fernsehbereich!

Aber trotz dieser Tatsache ist die Film‐ und Fernsehbranche alles anders als divers. Es scheint auch niemanden zu stören. Warum ist das so?

Weil es gar kein Bewusstsein für Diskriminierung und Ausschluss gibt.
Und ausgeschlossen sind ja vor allem die Bild‐ und Diskurschaffenden Frauen, die KREATIVEN Frauen, nicht die Gastgeberinnen und die Verwalterinnen!
Bleibt die Frage was tun? Wie lässt sich der hermetisch abgeschlossene Kulturbetrieb aufbrechen und verändern?

Das geht nur durch Gesetze! Zum Beispiel durch die Quote. Die Quote ist Blind, sagte der Kulturwissenschaftler Diederich Dietrichsen auf unserem Berlinale-Podium. Sie will erstmal gar nichts, sondern sie bietet einfach Zugang zu den Ressourcen. Die Quote ist letztlich politisches Instrument, das helfen kann, asymmetrische Geschlechterverhältnisse zu verändern. Und nicht nur Geschlechterverhältnisse müssen sich ändern. Eine Frauenquote reicht vermutlich noch nicht mal aus, denn wir haben es ja nicht nur mit Sexismus mit Diskriminierung und Ausschluss im Kulturbetrieb
zu tun.
Rassismus geht uns alle an und damit müssen wir uns beschäftigen.
Ich habe ja eben behauptet, Quote schafft Qualität. Warum ist das so? Weil die Quote Machtverhältnisse verändern kann und dadurch diverse Positionen erst möglich werden. Positionen, die jetzt marginalisiert sind oder eben gar nicht vorkommen.”

So sieht´s aus.

Eine kurze Rede von Tatjana Turanskyj in der Akademie der Künste am Pariser Platz im Rahmen der Veranstaltung „Es funktioniert – eine Qualitätsdebatte zum deutschen am 6. November 2015